[Broschüre: Flutkatastrophen] Nicht alle sind gleich geschützt vor Hochwasser

In den letzten Tagen beschäftigen uns alle die Hochwasser in Baden-Württemberg. Direkt vor unserer Haustür zeigen sich nun die Auswirkungen des Klimawandels auf verheerende Art und Weise. Auf Hochwasser werden wir uns wohl in Zukunft einrichten müssen. Auch unsere Broschüre zum Thema Hochwasser und Flutkatastrophen, die wir vor über zwei Jahren veröffentlicht haben, ist somit noch aktuell.
Hier lest ihr einen der Texte aus der Broschüre zu Anpassungs- und Gegenmaßnahmen bei Hochwasser. Diese braucht es dringend, unter kapitalistischen Produktionsbedingungen haben jedoch nicht alle Menschen und Regionen den gleichen Zugang zu solchen teuren Lösungen. Nach wie vor steht der Profit über dem Schutz von Menschen. Letztendlich müssen wir das Problem bei der Wurzel packen und die Klimakrise konsequent bekämpfen – denn die menschliche Anpassungsfähigkeit hat Grenzen.

Hier lest ihr den ganzen Text:

Wir befinden uns in einer akuten Krise. Umweltkatastrophen wie Hitzewellen, der Verlust der Artenvielfalt sowie Überschwemmungen sind in einer um 1,2° C erhitzten Welt die Normalität und gefährden bereits jetzt unzählige Menschenleben. Berechnungen des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung zufolge waren ohne Gegenmaßnahmen hunderte Millionen von Menschen allein von schweren Überschwemmungen bedroht.

Diese Gegenmaßnahmen sind auch daher nötig, weil in den vergangenen 40 Jahren
Landschaften auf eine Art bearbeitet wurden, welche Überflutungen zusätzlich begünstigen:

Es wurden Boden entwässert, störende Hecken und Wäldchen, eigentlich ein wichtiger Erosionsschutz, gerodet, Moore trockengelegt sowie Flüsse und Bäche begradigt. Moore können das Fließtempo von Wasser enorm bremsen und wirken wie ein Schwamm. 95 Prozent von ihnen sind in Deutschland in dieser Funktion ge- oder sogar zerstört. Will man sich also vor immer mehr und starker auftretenden Überschwemmungen schützen, müssen Feuchtgebiete wieder vernässt, Flüsse renaturiert und Flächen entsiegelt (1) werden.

Zudem können in Siedlungsgebieten auch technische Maßnahmen notwendig sein,
z.B. Hochwasserdämme und Hochwasserrückhaltebecken.
An Küstenregionen müssen immer höhere Deiche gebaut werden: Der Anstieg des Meeresspiegels in Kombination mit schlimmeren Stürmen gefährdet unzählige Gebiete. Die ersten Inseln sind jetzt schon nicht mehr bewohnbar. Der Effekt wird verstärkt, weil durch den Klimawandel Korallenriffe oder Mangrovenwälder absterben, die als natürliche Wellenbrecher zuvor die Küste geschützt hatten.

Anpassung im Kapitalismus

Leider genießen nicht alle Menschen gleichermaßen Schutz vor Flutkatastrophen. Dämme und Hochwasserrückhaltebecken zum Beispiel sind teuer und erfordern hohe Investitionen. Der finanzielle Aspekt sollte beim Schutz von Menschenleben eigentlich keine Rolle spielen, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Beispielsweise ergaben Untersuchungen zu den Überschwemmungen im Ahrtal, dass der Damm vor der Kiesgrube in Blessem sanierungsbedürftig war, jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht erneuert wurde.

Eng verwoben mit kapitalistischen Interessen von Konzernen ist auch die Begradigung von Flüssen: Diese wurde in Europa durchgeführt, um u.a. zusätzliche landwirtschaftliche Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln zu gewinnen. Heute gehören viele dieser Flächen Großbetrieben und werden mit umweltzerstörerischen Monokulturen bebaut. Der öffentliche Erwerb dieser Flächen steht daher meistens kapitalistischen Interessen direkt gegenüber.

Ähnlich verhält es sich mit der Bebauung von Flächen. Angesichts der immer häufiger auftretenden Starkregenereignisse wäre es wichtig, Flächen zu entsiegeln, damit diese die Niederschläge aufnehmen können. Doch anstatt Fahrradwege oder die öffentlichen Verkehrsmittel auszubauen, wird — dem Wachstumszwang der Autokonzerne folgend — weiter auf den individuellen Autoverkehr gesetzt: Dazu braucht es eben mehr Straßen, mehr Parkplätze, mehr Flächenversiegelung.

Auf globaler Ebene sind es vor allem die ärmeren Länder, denen die finanziellen Mittel fehlen, sich vor den verheerenden Folgen der Klimakrise zu schützen. In rasant wachsenden Städten beispielsweise dehnen sich Slums in überflutungsgefährdeten Flächen aus. In den meisten Städten an der westafrikanischen Küste, in denen insgesamt rund 105 Millionen Menschen leben, werden Menschen aufgrund der Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs umgesiedelt werden müssen. Für die Betroffenen bedeutet dies, ihre Existenz an einem anderen, sicheren Ort wieder aufzubauen. Dafür muss der Zugang zu Arbeitsplätzen, Schulen und medizinischer Versorgung sichergestellt werden. Die Finanzierung dieser Maßnahmen übersteigt jedoch oftmals die Kapazität armer Regionen und entspricht nicht dem Interesse der dortigen Entscheidungsträger*innen

Das Risiko von Flutkatastrophen wie im Ahrtal hat sich in Mitteleuropa durch die Klimakrise bereits um das bis zu Neunfache erhöht. Allein die Schäden und Verluste durch das Hochwasser in Deutschland kosteten 30 Milliarden Euro: Eine Summe, die viele Länder nicht mobilisieren können. Aufgrund neokolonialer Strukturen sind sie im globalen Wettbewerb die „Verlierer“ und abhängig vom Wohlwollen von Kapital und Staaten des Globalen Nordens. Die dort ansässigen Konzerne sind jedoch an profitträchtigen Investitionen interessiert, zu welchen beispielsweise Staudämme zur Energieversorgung von Industrien gehören, nicht jedoch überlebensnotwendige Maßnahmen wie Hochwasserdämme.

Die Klimakrise ist die Ursache – nichts führt am Kampf dagegen vorbei

Die genannten Anpassungsmaßnahmen sind wegen sich anhäufender Extremwetterereignisse notwendig und wichtig. Gleichzeitig müssen wir die Ursache im Blick haben: Die Klimakrise.

Ohne, dass wir das Problem an der Wurzel packen, lassen wir zu, dass Kipppunkte erreicht und Prozesse in den Gang gesetzt werden, die wir nicht rückgängig machen können. Die momentane Erhitzung um 1,2°C konnte den „Grönlandkippunkt“, bei dem das ganze Grönländische Eis abschmelzen wird, schon ausgelöst haben.

Außerdem hat die menschliche Anpassungsfähigkeit technische, finanzielle und physische Grenzen. Der Hurricane Katrina in New Orleans macht zum Beispiel deutlich, dass auch reiche Länder wie die USA nicht in der Lage sind, ihre Gebiete ausreichend zu schützen. Allgemein lassen sich nicht alle Schäden und Verluste der Klimakrise verhindern — etwa das „Versinken“ ganzer Inseln oder eine für den Menschen unerträgliche Außentemperatur.

Bereits bei einem globalen Temperaturanstieg von 15°C erhöht sich die lokale Temperatur in Teilen Südamerikas und Asiens so stark, dass sich die Menschen an mehr als der Hälfte der Tage eines Jahres nicht mehr im Freien aufhalten können — und mit steigender Durchschnittstemperatur werden immer mehr Regionen der Welt betroffen sein. Dagegen gibt es auch keine technischen Lösungen.

Die komplette Broschüre findet ihr hier – oder holt sie euch in gedruckter Form beim nächsten Klimatreffen ab!

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